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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Der Laizismus ist tot“, von Serdar Sahin

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Innsbruck (OTS) – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wandelt die Hagia Sophia in eine Moschee um. Das säkulare Erbe von Republiksgründer Atatürk wurde damit begraben, die Ausrichtung der Türkei nun endgültig klargestellt.

Die Kunst, ein Problem aus dem Nichts zu erschaffen, ist eine schwierige. Nur wenige haben die­se Kunst intus und so sehr perfektioniert wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. 86 Jahre lang war die Hagia Sophia ein Museum. Nun ist sie wieder eine Moschee – auf Geheiß von Erdogan. Wo kein Unmut, kein Disput war, ist nun Zorn. Weite Teile der muslimischen Welt beklatschen ihn, die Orthodoxie taumelt zwischen Empörung und Ohnmacht.
Die Hagia Sophia – die Heilige Weisheit, wie sie aus dem Griechischen übersetzt heißt – war und ist nicht nur ein prächtiges Monument. Sie war ein Symbol der Macht – der Macht des Byzantinischen Reiches, des Osmanischen Imperiums und schließlich des Laizismus. Republiksgründer Mustafa Kemal Atatürk zementierte 1934 damit die Trennung von Staat und Religion ein, als er die Hagia Sophia in ein Museum umgewandelt hat. Seit Erdogan in der Türkei das Sagen hat – mittlerweile sind es 18 Jahre –, sägt er hier und da am säkularen Erbe Atatürks. Doch schreckte er bisher davor zurück, den unter den Türken hochgeschätzten Republiksgründer und seine Hinterlassenschaft so offensichtlich und radikal zurückzudrängen. Damit ist nun Schluss. Erdogan hat die Zeit um über 100 Jahre zurückgedreht – und den Laizismus wohl für tot erklärt.
Die Grenzen zwischen Staat und Religion sind in der Türkei freilich längst verschwommen. Die Ausrichtung der Türkei wurde nun einmal mehr aber umso deutlicher klargestellt. Die Türkei – ein westliches Land? Das war einmal. Mit Europa verbinden die Türkei nur noch die wirtschaftlichen Beziehungen. Sonst nicht viel. In Syrien, Libyen und im Mittelmeer ist Erdogan auf Konfrontation mit dem Westen – fährt einen eigenen Kurs. Zu oft hat Europa versucht, ihn mit der EU-Mitgliedschaft zu ködern. Beide Seiten streben die Partnerschaft schon lang nicht mehr an – die Türkei will es nicht aussprechen, Europa will die Tür nicht zuschlagen. Zu viel hängt davon ab – die Flüchtlingsthematik ist nur ein Streitpunkt davon.
2023 feiert die heutige Türkei ihr 100-jähriges Bestehen. Bis dahin will Erdogan der neue Atatürk sein. Doch die wirtschaftliche Misere im Lande steht ihm im Weg. Die Umfragewerte gehen in den Keller. Um diese zu verschleiern, versucht er auch populistische Maßnahmen zu setzen – darunter eben die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee.

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