Leitartikel "Gemeinsam oder gar nicht" vom 4.4.2020 von Mario Zenhäusern | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Leitartikel „Gemeinsam oder gar nicht“ vom 4.4.2020 von Mario Zenhäusern

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Innsbruck (OTS) – Österreich scheint im Kampf gegen das Coronavirus erfolgreich zu sein. Das ist erfreulich, aber zu wenig. Viren halten sich nicht an Grenzen, auch nicht, wenn sie geschlossen sind. Deshalb braucht es Koordination und Solidarität.

Von Mario Zenhäusern
Vier von zehn Personen erwarten, dass durch die Corona-Krise der Zusammenhalt der EU-Mitgliedstaaten bröckeln wird. Das ist das Ergebnis einer Studie der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. Demnach befürwortet eine Mehrheit die Aussetzung der EU-Defizitregeln, während die Übertragung von Zuständigkeiten im Bereich der Gesundheitspolitik auf europäische Ebene sehr differenziert gesehen wird.
Das ist kein überraschendes Ergebnis, ganz im Gegenteil. In Krisenzeiten schlägt traditionell die Stunde der Nationalisten. Statt gemeinsam an einer Strategie zu basteln, um die weitere Ausbreitung des gefährlichen Virus möglichst zu verhindern und dann konsequent aber geschlossen vorzugehen, kochen viele EU-Mitgliedstaaten ihr eigenes Süppchen. Bestes Beispiel dafür ist, dass just zum 25-Jahr-Jubiläum des Abkommens von Schengen, das den Mitgliedstaaten die langersehnte Reisefreiheit brachte, die Grenzen nach und nach wieder geschlossen wurden. Dabei muss doch jedem klar sein, dass das Coronavirus an einem geschlossenen Grenzbalken nicht Halt macht. Weil die Kontrolle nie so lückenlos sein kann, wie sie dafür notwendig wäre. Und weil jede zusätzliche Beschränkung des weitgehend unkontrollierten Warenverkehrs zwischen den einzelnen Staaten langfristig Konsequenzen nach sich zöge. Schließlich braucht jeder Staat derzeit einen funktionierenden Außenhandel wie einen Bissen Brot, weil sonst die Versorgung der Menschen mit Gütern des täglichen Bedarfs gefährdet ist.
Es ist die Pflicht jeder Regierung, im eigenen Wirkungsbereich dafür zu sorgen, dass sich das Virus nicht ungehemmt ausbreiten kann. Sonst kollabiert nicht nur das Gesundheitssystem, sondern langfristig auch die Wirtschaft. Österreich ist da, allen Kritikern zum Trotz, auf einem guten Weg. Aber das allein reicht nicht aus. Ein letztlich erfolgreicher Corona-Abwehrkampf muss in größeren Dimensionen gedacht werden. Die hermetische Abriegelung einzelner Staaten ist so gut wie unmöglich. Deshalb braucht es Koordination und Kooperation. Der aktuelle Fleckerlteppich an unterschiedlichen Vorgangsweisen sorgt lediglich für Verunsicherung unter den Menschen.
Diese Krise bewältigt Europa gemeinsam oder gar nicht. In Zeiten wie diesen sollten deshalb nicht die Nationalisten über unser Handeln bestimmen, sondern jene, denen Solidarität und gemeinsames Angehen gegen die Krise ein Anliegen ist. Aber Solidarität ist eben leider keine politische Kategorie.

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