Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 22. Jänner 2020. Von GERLINDE TAMERL. "Treibjagd auf das royale Paar". | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 22. Jänner 2020. Von GERLINDE TAMERL. „Treibjagd auf das royale Paar“.

0 76

Innsbruck (OTS) – Der Rückzug von Herzogin Meghan und Prinz Harry aus der Öffentlichkeit sorgte in England für Empörung, dabei sind ihre Beweggründe durchaus nachvollziehbar. Fürchten die Briten womöglich einen Bedeutungsverlust?

Seit Meghan Markle und Prinz Harry 2016 ihre Liebesbeziehung öffentlich gemacht haben, vergeht kaum ein Tag, an dem die britische Boulevardpresse nicht mit einer neuen „Skandalmeldung“ aufwartet. Diese Zeitungsartikel strotzen vor indiskreten Mutmaßungen und rassistischen Äußerungen. Die Daily Mail schrieb etwa nach Bekanntwerden der Beziehung zwischen Harry und Meghan: „Harrys Mädchen kommt (fast) direkt aus Compton“ – in Anspielung auf einen für seine hohe Kriminalitätsrate und Armut berüchtigten Vorort von Los Angeles. In Wirklichkeit wuchs Meghan in behüteten Verhältnissen in Los Angeles auf und besuchte Privatschulen. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das zeigt, dass die englischen Boulevardmedien nicht bereit sind, sich an die Spielregeln zu halten.
Meghan und Harry haben Mut bewiesen und sich gegen diese Übergriffe gewehrt, indem sie ihren teilweisen Rückzug aus der Öffentlichkeit bekannt gaben. Harry scheint wohl besonders große Angst um seine Familie zu haben, denn er muss­te als Zwölfjähriger miterleben, wie seine Mutter Prinzessin Diana 1997 in Paris von der Sensationspresse brutal verfolgt und von dieser quasi in den Unfalltod getrieben wurde. Schauspieler Hugh Grant, selbst oft Zielscheibe der Yellow Press, fand für diese Tragödie noch drastischere Worte: „Die Boulevardpresse hat Harrys Mutter ermordet, jetzt zerfetzt sie seine Frau.“ Genau das will Harry verhindern. Fragt sich nur, ob es ihm gelingen wird, denn Meghan wird auch in Kanada von Paparazzi heimgesucht. Erst gestern druckte die berüchtigte Sun ein Foto von ihr ab, das sie in einem praktischen Alltags-Outfit beim Spazierengehen mit Baby Archie zeigt. „Oh, how shocking!“ Warum stellt die Forderung nach einem gewöhnlichen Leben vor allem für die britischen Medien eine derartige Provokation dar? Eine „Verschlankung“ des britischen Königsapparates würde schließlich auch den britischen Steuerzahler entlasten.
Aus den Debatten um den Brexit könnte man jedoch schließen, dass mancher Brite davon träumt, dass sein Land wieder zu alter Größe aufsteigt. Rückzugspläne der royalen Familie passen da nicht ins Bild. Möglicherweise fürchten konservative Kreise in England, dass mit einem voranschreitenden Bedeutungsverlust der Royals ein ganzes Land seinen Glanz verlieren könnte und die eigentlichen Probleme, das marode Gesundheitssystem oder die Schere zwischen Arm und Reich, damit erst recht ans Tageslicht treten.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender. Tiroler Tageszeitung

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.