Bild von Angeklagten nicht ausreichend anonymisiert | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Bild von Angeklagten nicht ausreichend anonymisiert

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Wien (OTS) – Der Artikel „Fieser Stinkbomben-Anschlag auf Bordell“, erschienen am 04.09.2018 auf „heute.at“, verstößt nach Auffassung des Senats 2 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Im Artikel wird berichtet, dass drei Lehrlingen vorgeworfen werde, im Dezember 2017 einen Buttersäure-Anschlag auf einen Saunaclub in Leonding verübt zu haben. Sie müssen sich deshalb nun vor Gericht verantworten. Dem Artikel ist ein Foto der drei jungen Männer beigefügt, deren Augen alle mit einem schwarzen Balken versehen sind.

Einer der drei abgebildeten jungen Männer wandte sich an den Presserat und kritisierte die Veröffentlichung des Fotos. Die Medieninhaberin machte von der Möglichkeit, am Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch.

Der Senat hält zunächst fest, dass auch Beschuldigte und Angeklagte über schutzwürdige Anonymitätsinteressen verfügen und die Medien deshalb nicht in jedem Fall den Namen oder das Foto eines mutmaßlichen Straftäters veröffentlichen dürfen. Die Preisgabe der Identität eines Angeklagten in den Medien kann zu einer – aus medienethischer Sicht problematischen – Prangerwirkung führen.

Das heißt allerdings nicht, dass in der Kriminal- und Gerichtsberichterstattung das Foto eines mutmaßlichen Täters keinesfalls veröffentlicht werden darf. Es ist vielmehr im Einzelfall zu prüfen, ob die Anonymitätsinteressen des Betroffenen gegenüber den Veröffentlichungsinteressen des Mediums überwiegen, so der Senat weiter. Bei dieser Prüfung spielt es eine wichtige Rolle, wie schwerwiegend die Straftat ist, die dem mutmaßlichen Täter vorgeworfen wird.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine geringfügige Straftat (Sachbeschädigung). Dies lässt sich auch aus den vom zuständigen Strafgericht verhängten niedrigen Geldstrafen ableiten (einer der drei Angeklagten wurde freigesprochen). Aus diesem Grund ist eine identifizierende Berichterstattung im vorliegenden Fall unzulässig. Auf dem Bild, das dem Artikel beigefügt ist, sind die Gesichter der drei jungen Männer zwar durch schwarze Balken über ihren Augen teilweise verdeckt; die übrigen, durchaus markanten Gesichtspartien und Frisuren sowie ihre Kleidung machen die Abgebildeten nach Meinung des Senats für ihren Freundes- und Bekanntenkreis jedoch trotzdem identifizierbar. Die schwarzen Balken waren daher nicht ausreichend, um die Anonymitätsinteressen der Abgebildeten zu wahren.

Der Senat stellt den Verstoß gegen den Ehrenkodex fest und fordert die „DJ Digitale Medien GmbH“ auf, die Entscheidung freiwillig auf „heute.at“ zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES
BETROFFENEN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Betroffenen ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht.
Die Medieninhaberin von „heute.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Da die Medieninhaberin von „Heute“ die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt hat, wurde das Beschwerdeverfahren in ein selbständiges Verfahren umgedeutet.

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